Mister Robinson aka Gunterlenker oder »die Reifeprüfung«

Seit letztem Jahr, als wir beim Bodensee Gravel Giro waren, zeichnet sich ein schmutziger Trend ab, den wir nicht ignorieren können und wollen: Das gemeine Vereinsmitglied vernachlässigt das Rennrad, liegt dabei entweder im Dreck, badet in Schlammpfützen und hat auch noch Spaß dabei. So erscheint es nur logisch, dass wir nicht beim Graveln halt machen, sondern voll durchmarschieren und im Gelände richtig und mit schwerem Gerät, bei einem Enduro-Rennen, Vollgas geben.

Was genau Enduro bedeutet und dass nicht Mountainbike gleich Mountainbike ist, werden wir hier, auf diesem Kanal, bei Gelegenheit erläutern. Der Einfachheit halber sei erwähnt, dass es grob gesagt, um die Fahrräder mit den dicken, knubbeligen Reifen geht.

In der Kategorie Mountainbike haben wir einen gestandenen Schmutzfinken (Gunter), als auch ein Küken (Siggi – Küken, weil neu im Verein) in der handverlesenen Liste unserer Mitglieder. Und auch, wenn sich in der Fülle von Gunters Haupthaar die ein oder andere graue Strähne abzeichnet, so hatte er doch zuletzt seine Premiere bei einem Enduro-Rennen. Währenddessen ist so ein Wettbewerb wiederum für unser Siggi-Küken nur kalter (wenn auch leckerer) Kaffee.
Und bevor wir schon nach den ersten zwei Absätzen unsere Leser durch sinnloses schwadronieren verlieren, folgt hier nun Gunters Bericht seines allerersten Enduro-Rennens, sozusagen die Reifeprüfung des Herrn Robinson auf dem MTB. Bitte schön:

Die Vorwehen

Nach einem irgendwie vermasseltem Saisonstart erfolgt hier, jetzt und nun im Mai/Juni mein Comeback. Was gäbe es Besseres dafür als ein Rennen? Zusammen mit unserer Bike-Fitterin Siggi Greave wählten wir dafür das Bikefestival Willingen aus. Obwohl es dort auch ein Straßenrennen gibt, entschieden wir uns für die Scott Enduro Series – ein Enduro Rennen also! Sprich abseits der Straße und abseits meiner gewohnten Disziplin: Rennrad.

Soweit so gut, leider stellte sich mein Mountainbike direkt ins Abseits, da es für harten Enduro-Einsatz einfach nicht prädestiniert ist. Deshalb ganz gut, dass ganz kurz vor dem Event der Dämpfer kaputt ging. Um einem vorzeitigen Ende des Comebacks entgegenzuwirken, musste kurzfristig was anderes her. Die Ersatzbank bot aber außer Rennräder nichts adäquates und so nahm ich Siggis Angebot gerne an, ihr Downhill Bike als Leihgabe einzusetzen.

Die Karten waren also neu gemischt. Mal schauen wie sich das nun ›überpotente‹ Bike mit mir auf den eckig, ruppigen, teils schwer fahrbaren Trails schlägt.

Das freie Training

Schon einen Tag später und einen Tag vor dem Rennen wurden – nach dem üblichen Prozedere wie Startunterlagen, et cetera – enduro-typisch die Strecken erst bekannt gegeben und wir zum freien Training auf diese losgelassen. Das Rennen war auf einen Rundkurs von ungefähr 32 Kilometer Länge mit 1130 Höhenmetern geplant.

Zu zweit ging es zu unserem ersten Berg, welcher sich aber als Stage 2 entpuppte. Wie bei Enduro-Rennen auch üblich musst du zuerst die Anstiege in einer vorgegebenen, reichlich bemessenen Zeit, mit eigener Muskelkraft erklimmen, um in den Genuss der Abfahrten – sprich Stages – zu kommen. Insgesamt gab es davon 6 in Willingen, die zu bewältigen waren. Zum Schluss werden die Zeiten der einzelnen Stages addiert und man hat eine Gesamtzeit, welche die Platzierung bestimmt bzw. entscheidet, ob man Freudentränen oder aber die Anderen vergießt.

Oben auf dem Dreiskopf angekommen, stellte sich mir die Frage ob das alles so richtig ist was ich da mache. Angereichert mit Statements anderer Teilnehmer bekam ich langsam Bammel. Und genauso wie mir mein Bauchgefühl einredete, genauso lief es dann auch auf dem Trail. Das Vorderrad fand eigentlich keinen Grip auf dem losen Untergrund und ich war weit davon entfernt eine gute Fahrlinie zu finden. Im technisch schwieriger werdenden Gelände kam ich ins Stocken. Nach zögern eierte ich durch eine Schlüsselstelle und es kam was kommen musste, bei einer kurzen Steilabfahrt ging ich vorne über den Lenker und fand mich bäuchlings über den Boden schlitternd wieder. Der Tag schien gelaufen und der Gedanke daran, ein Rennen zu absolvieren, erschien mir nicht mehr ganz so vernünftig.

Trotzdem machte wir uns auf den Weg zur nächsten Stage am Iberg. Beim Anstieg dorthin gab es an einer Stelle einen guten Einblick auf das, was einen bei der Abfahrt erwarten würde und ich entschied mich dagegen diese zu fahren. — Also rollerte ich den Berg wieder runter und stieg erst ganz unten in die Stage ein. Irgendwie lief es gar nicht bei mir und um mich herum nahm ich nur ›Profis‹ wahr. Ich kam mir ziemlich de­pla­cie­rt vor.

Aufgeben wollte ich dann aber auch nicht und so blieb mir nichts anderes übrig, als zur nächsten Stage zu fahren. Schön war allerdings unterwegs auch bewundernde und aufmunternde Worte zu hören: »… und das alles mit einem Downhill-Bike …«. Immerhin hatte ich ein Bike mit mindestens 4 bis 5 Kilo mehr Gewicht unterm Hintern und weder absenkbare Sattelstütze noch eine heutzutage für Enduro gängige 12-fach Übersetzung mit 10/50 Kassette und 34er Kettenblatt. Ich musste mich dagegen mit einer 9-fach 11/26 Kassette mit 36er Kettenblatt die Anstiege ›hochquälen‹.

Den Orenberg mit Gipfelkreuz erklommen, welchen ich von früheren Touren her kannte und nun wusste, dass mich gleich ein paar richtig steile Passagen, teilweise mit Steinen durchsetzt, erwarten würden. Irgendwie kam ich, entgegen meinen Erwartungen, doch besser diese Stage herunter. Dass ich dabei den Trail abkürzte, war im Training noch unerheblich. Beim morgigen Rennen wäre es aber nicht mehr erlaubt außerhalb der mit Flatterband markierten Bereiche zu fahren und würde mit Strafzeiten belegt.

Auf zum vorletzten Berg, dem Langenberg. Dessen Abfahrt entpuppt sich fast schon als flowiger Singletrail und ganz unten wird man mit einer idyllischen Bachdurchfahrt belohnt. Bedenkt man, dass während des gesamten Rennens Helmpflicht besteht, könnte dies die notwendige Erfrischung werden.

Nun rolle ich auf einem Forstweg das Tal entlang herunter und wieder hoch zur letzten Prüfung. Diese letzte Stage führt direkt hinunter zum Festivalgelände und ist die kürzeste von allen, mehr oder weniger nur noch ein Wiesen-Abfahrtsslalom mit nur winzigen Schwierigkeiten zwischen Baumbeständen und Böschungen und man könnte dabei sogar in den Genuss von ›Airtime‹ kommen, also durch die Luft zu fliegen!

Etwas Festival Atmosphäre genießen, abhängen, Leute treffen, schnacken, kucken, staunen und bewundern gehört ebenso dazu wie ein Aprés-Training-Pre-Race-Beer, um nochmals den Tag Revue passieren zu lassen und die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten. Ein Resümee aus dem Training zu ziehen fiel mir schwer, da es zum Ende hin ja doch noch ganz gut lief. Also vertagte ich die Entscheidung, ob ich überhaupt an den Start gehe auf den nächsten Morgen.

Race-Day

Okay I’m riding! In die Bikeklamotten springen, eincremen und dabei schon ahnend, dass es trotzdem einen Sonnenbrand geben wird. Helm, Rucksack, Protektoren geschnappt.
Ready, auf gehts …

Am Start kläre ich schnell noch, ob ich in einen anderen Startblock darf, um mit Siggi zusammen zu fahren. Den Jungs von der Orga war das egal. Es musste nur noch ein Renn-Kommissär seine Zustimmung geben, was aber auch kein Problem darstellte. Somit startete ich um einiges später. Es wurden immer ungefähr zwanzig Leute ins Rennen geschickt. Die Startblocks dabei völlig durchmischt und nicht nach Rennklassen eingestuft. Die Aufregung stieg. Jeder einzelne Starter wurde persönlich über die Lautsprecher begrüßt. Beim der Nennung von “dasimmerdabei” verhaspelte sich der Sprecher erstmal, fand es aber (selbstverständlich), ganz cool: »Viel Spaß Gunter!«, rief er durch das Mikro. Der Countdown zählte runter und dann ging es eher gemütlich los, hoch in Richtung Ettelsberg.

Am Startpavillon zur ersten Stage angelangt – die ich quasi blind (Fachausdruck für nicht am Trainingstag gefahrener Abschnitt) fuhr – hatte sich eine Schlange gebildet. Unser Plan war es, dass ich hinter Siggi starte und sie auch nie überholen werde, falls ich überhaupt dazu in der Lage wäre. Damit hat sie mindestens doppelten Vorsprung vor dem/der nächsten FahrerIn und somit keinen Druck von hinten. Wir wollten soviel wie möglich an Genuss mitnehmen und dabei Spaß haben. Abklatschen und ein paar Floskeln wünschend ertönte ein Startsignal und sie raste los und verschwand auf dem Trail. Nun gab es auch für mich kein zurück mehr und etwa eine halbe Minute später ertönte ebenfalls der Pieper. Ich fuhr los in den erst flachen Anfangsteil über kleinere Wurzeln hinweg. Als diese rasch dicker wurden bemerkte ich, dass ich vor Aufregung vergessen hatte mir die Goggle runterzuziehen und den Fullface-Helm richtig zu verschließen. Dieser tänzelte somit lustig auf meinem Kopf herum und der Kinnbügel, sowie die verrutschte Brille behinderten meine Sicht. Super Start Gunter! Das Handicap notdürftig korrigiert türmte sich eine Holzrampe vor mir auf. »Jetzt bloß nicht daran hängen bleiben«, dachte ich mir in der Vorahnung, dass dieses Obstacle mich dahinter fast senkrecht auf einen holprigen Trail ausspucken würde. An einen Rückzieher war nicht mehr zu denken. »Augen zu!« hatte ich ja quasi schon, also »nur noch durch!« Kurz vor Ende der Stage wurde ich dann doch noch eingeholt. Dennoch, überstanden, Helm zugemacht – kann ja nur noch besser werden. Auf zu den nächsten Prüfungen …

Inzwischen waren wir am Ende des Feldes angelangt und hatten eigentlich fast keine FahrerInnen mehr hinter uns. Alle restlichen Stages liefen am heutigen Tag viel besser, als im Training und ich bin sie alle komplett durchgefahren. Für mich kam zwar insgesamt keine Spitzenzeit dabei heraus und mit einer Platzierung knapp vor dem letzten Platz bin ich trotzdem total zufrieden. Was für mich zählt war überhaupt erst einmal ein Enduro-Rennen gefahren zu sein. Ich habe mich überwunden, durchgebissen und sogar gehörig Spaß gehabt. So ganz habe ich die Disziplin noch nicht verinnerlicht, also benötigt es eine Wiederholung und ich bin schon zum nächsten Enduro Rennen in Wipperfürth angemeldet. Man munkelt, dass dieses weitaus weniger anspruchsvoll sein soll. Erwähnt soll noch sein, dass RTC-DSD im Herz sowieso und hier als Bib untendrunter mitfuhr 😉

Um einen Eindruck von dem Rennen zu bekommen sind hier (auf dem YouTube Kanal von ›Krax‹) alle Race-Stages aneinandergereiht. Dieser Krax fuhr allerdings unwesentlich (sprich: um Klassen besser) als ich. Und sowieso: auf Videos sieht alles viel einfacher, harmloser und entspannter aus …

Menschen die ich unter anderem in Willingen getroffen hab und hier besonders erwähnen möchte: Siggi Graeve (Bikefitting), Andi Kuhr (Mtb/CycleWerx), Willi ›Will‹ Lützeler (Cube Bikes), Kaktus (SoreBikes)


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