Rad Race. Fixed 42. #3.

Nach heißer, völlig durchwachter Nacht steh ich ziemlich früh auf der Matte am Start. Eigentlich angesetzt um 9, ist er doch erst 10:15. Irre nervös und aufgeregt treffe ich andere Piloten. Die einzigen Themen heißen: Übersetzung und Startaufstellung. Soll man am Anfang ballern oder ruhig angehen lassen? Vorne bei den „Profis“, oder das Feld von hinten aufrollen? Ich entscheide mich für ein Mittelding, und stelle mich in der vorderen Mitte auf, was sich später als ganz richtig herausstellt. Nürnberger Internetbekanntschaften begrüßen, dann geht’s los: durch Kreisverkehre ballern, auf die Autobahn.

Der erste Crash am Anfang sensibilisiert mich für die Gefahr dieses nervösen Pelotons. Er soll nicht der einzige bleiben. An der ersten Gruppe kaum 8 KM dran bleiben können, dann mit 8 anderen rausfallen. 55 km/h. Ohne Flüssigkeit – an Trackbikes sind keine Flaschen erlaubt. Mein Mund klebt jetzt schon. Gott ist das hart.

Wind und freie Fläche, harte Arbeit, die hier vor Allem immer wieder Tobe übernimmt. Das kostet ihm später Körner, worüber er sich glaub ich auch ärgert. Ich hau mir selber ganz unironisch auf den Arsch, um länger im Wind bleiben zu können- es hilft nur bedingt.

Irgendwann sind wir dann von der zweiten Gruppe eingeholt, und wir versuchen einen Kreisel, was aber immer wieder von anderen nicht verstanden/ kaputt gemacht wird. Viele Rufe: „Rechts, Links“. Und vor Kurven: „hold the Line“. Ich soll für den Rest des Tages heiser sein. Irgendwann singe ich das „hold the line“ und „Achtung, Achtung, RENNRADFAHRER“ und ernte dafür wohl ein paar Grinser.

In der Stadt wird dann durch die vielen Kurven die Gruppe wieder größer- und nervöser. Zwei Stürze, einer direkt links vor mir. Garnicht gut. Später höre ich, Leute haben sich hier Knochen gebrochen. Jungs schauen sich um. Bei 45 km/h. Es beginnt ein wildes Gebrülle. Jeder hat jetzt Angst vor Hindernissen. Metertiefe Gullideckel.

Ein Italiener, dessen Rad wie eine kaputte Nähmaschine klingt, ignoriert all unser wütendes Geschimpfe, er solle damit abhauen. Ich verstecke mich in der Gruppe und rechne mir Fluchtmöglichkeiten aus. Dann ist Basti plötzlich wieder da, etwas weiter vorne in der Gruppe. Ich freu mir ein Ast. Ausreißer setzten die Pace, aber keiner schafft es besonders weit. Keine 5 Sekunden mehr im Wind aushaltend, besser Gruppenkuscheln. Ein kurzer Moment der Kraft katapultiert mich auch nach vorne, aber das hat eher psychologischen Wert, und die Gruppe assimiliert mich wieder wie die Borg Cpt Picard. Ich brülle die Gruppe an. „Burn it!“ „Gogogo“. So ein Schwachsinn. Aber das befreit. Ein bisschen wie Pogo zu Descendents oder so.

Über das Tempelhofer Feld dann in Einerreihe, plötzlich fahren alle ganz gesittet. Geht also auch. Dann auf den beschissenen Straßen Berlins- am Watergate vorbei, noch ein Sturz. Gestern hat mich noch jemand vor der Stelle gewarnt.

Es geht plötzlich bergab, und ich bekomme echt Bammel, jetzt bloß nicht Kontern! Jetzt fließt die immer größere Gruppe durch die Straßen Berlins. Es wird kaum noch gekämpft, das Vertrauen ist da, trotz all der Stürze. „Teil einer Bewegung sein“. Nirgends passt die Beschreibung besser als hier.
Irgendwann kennt man seine Rücken, und man gibt den Rücken zurück. Ein großer blauer Italiener aus dem Team das später auch gewinnt, und die „Fahrlässig“-Typen aus Nürnberg. Ich hatte am Anfang schon vermutet dass wir ungefähr in eine Leistungsklasse gehören!

Irgendwann dann das Brandenburger Tor. Endlich eine Hüpfburg, es wird gesprintet und ich bekomme Ellenbogen in die Seite gerammt. Egal, heute ist alles erlaubt, und dann kommt noch eine Hüpfburg, das eigentliche Ziel. Erst hier zählt die Zeit. Neben Basti komme ich rein, der sich grinsend über seine Vorsicht ärgert. Tobe verflucht seine Gruppe, aber ich bin ziemlich glücklich. Meine Zeit liegt unter einer Stunde. 42 KM. Rad Race. Hätt ich nie erwartet!

Ich liebe meine Midlifecrisis.

 

 


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